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Aus der RNZ vom 11. Dezember 2001
Das Prachtstück wird nie scharfe Schüsse feuern






Adolf und Torsten Hartl bauten in ihrer Werkstatt eine badische Kanone von 1855 nach das
300 Kilo Geschoβ wurde vom Beschussamt Ulm abgenommen.


Von ganz klein bis groβ; präsentierten Adolf und Torsten Hartl die originalgetreuen Kanonennachbauten, die in Eigenarbeit entstanden sind.





Das jüngste Stück ist die 77-Milimeter-Kanone, die stolze 300 Kilogramm auf die Waage bringt. Im neuen Jahr wird sie erstmals beim Winterschieβen auf sich aufmerksam machen.
(Bild rechts unten)




Waibstadt. Wenn’s in Waibstadt ab und an heftig rumst, weiβ jeder wer dafür zuständig ist. Die Männer vom Artilleriebund St. Barbara, der im nächsten Jahr 120. Geburtstag feiert, lassen die Kanonen böllern. Zur Fronleichnams-Prozession sind die zehn Salutschüsse der Artilleristen seit Jahrzehnten örtliche „Begleit-Musik”, wie der Kanonenknall bei Kerwe und einigen Begräbnissen.

Gefeuert wurde über Jahre mit der alten Vereinskanone , Kaliber 60 Millimeter. Das Prachtstück aus Grauguss ziert inzwischen der Stempel vom Ulmer Beschussamt. Geplant ist und gebaut wurde das120 Kilogramm schwere Kanonenrohr von Adolf Hartl und dessen Sohn Torsten, zweiter Vereinschef und Schieβmeister. Die 77-mm-Kanone ist Nachbau einer badische Feldartillerie aus dem Jahr 1855. 70 Kopien der Original-Konstruktionspläne waren einzige Grundlage für monatelange Arbeit in der Werkstatt des 67 Jährigen. Vater und Sohn eint das Bemühen, das Vereinsleben im Artilleriebund wieder zu reaktivieren.

Zur Widerbelebung gehöre auch das Schieβen, so die Hartls. Die alte Vereinskanone war in die Jahre gekommen.. „Kanonen bauen dürfen nur Mitglieder in Schützenvereinen. Das ist Vorraussetzung für die Genehmigung.” Weil der Zimmermann schon mit zwei kleineren Nachbauten historischer Geschütze sein Geschick bewies, hatte er nie bedenken, „das gröβte Exemplar zu bauen, das je in meiner Werkstatt entstanden ist.”

Die Form des Rohrs wurde aus Holz hergestellt. Sie ist das „A und O”. Hier musste alles Millimetergenau stimmen. „Die Geringste Abweichung beim Herausdrehen aus dem Holzrohling und der Lauf sitzt nicht mehr in der Mitte.” Risse und Spannungen im Holz vermied Hartl, indem er Leimholz verwendete. Zum Schluss kam das Familienwappen auf die Holzform. Dann wurde es poliert, gespachtelt und wieder geschliffen, bis die Form glatt
wie Fensterglas war.

Den Guss des Kanonenrohrs übernahm eine Mosbacher Gieβerei, die zwar alle mögliche Formen herstellt. Kanonenrohre waren noch nie darunter. Stolze 1000 Mark musste Hartl dafür berappen, war mit dem Ergebnis
sehr zufrieden. Der gezogene stählerne Lauf liegt genau in der Mitte des Gusseisernen Kanonenrohrs.

Mit der Kanone im Kofferraum ging’s nach Ulm, zum Beschussamt. Ohne deren Abnahme darf kein Gramm,
Pulver ins Rohr. Im Steinbruch bei Ulm dröhnte es vor der Waidstädter Delegation einmal kräftig „Zugelassen für 240 Gramm Pulverfüllung und Salutschuss sagt das Stanzzeichen der Ulmer”, die das Stück auch auf Gussfehler überprüften. Genehmigt wurde die Zündvorrichtung der Waibstadter Tüftler. Der Funken des Zündplättchens, mit dem Schlagbolzen gezündet, frisst sich in Sekundenbruchteilen durch eine zwei Millimeter starke Bohrung zur Ladung im Rohr. „Das ist viel billiger als die elektrische Zündung”.

Die Letzten Wochen in der Werkstatt den Beschlägen und der Hölzernen Lafette gewidmet. Hier zeigt Vater Hartl seine ganze Kunst. Aus geleimten Mahagoni Holz wurde die Lafette gearbeitet, sieht aus, als wäre sie eben aus der „groβherzoglich badischen Kanonen-Manufaktur” abgeholt worden. Satte 300 Kilogramm bringt das Salutgerät auf die Räder. Die Gesamte Achskonstruktion ist handgemacht, wie die riesigen Holzräder mit Eisenreifen. „Sie stammen von einem Wagner, der sie vor 50 Jahren bei Buchen hergestellt hat.” Die Witwe hat die Räder im RNZ-Flohmarkt inseriert.. Für 90 Mark erwarb sie Hartl. „Ich musste wenig dran arbeiten. Die Stahlbänder sind erste Klasse.” Eigenkonstruktion ist alles, von der mit Holzkeil verstellbaren Höhenjustierung des Laufes bis zu den Gerätschaften zum Reinigen und Laden. „Gestopft werden darf nur mit einem Holzstopfen. Mit Metall das Pulver zu verdichten wäre viel zu gefährlich”.

Was noch fehlt zum Glück der Artilleristen; Ein Name fürs Schwergewicht ( Mit Kirchlicher Weihe ) und der Erste Schuss. „Wir sind keine Kriegsversherrlicher. Wir wollen nur ein Stück Geschichte lebendig halten, wie die Dampflok Fans” begründet Torsten Hartl die Aktivitäten. Viel Wissen über Verein und örtliche Tradition sind mit dem Tod der Alten verloren gegangen, wie alte Dokumente, Fahnen und frühere Uniformen. Mit der Gröβten Selbstgebauten Kanone eines Schützen oder Vorderladervereins zeigt der Artilleriebund jetzt wieder Flagge.